Stil

Nominalstil vs. Verbalstil: Lesbarer schreiben durch Stilbewusstsein

Warum Nominalstil Texte schwerfällig macht, wie du Substantivierungen auflöst und wann der Verbalstil die bessere Wahl ist. Mit konkreten Beispielen und Umformulierungsregeln.

Lesezeit 6 Min. Aktualisiert 26.05.2026 2 Quellen Jan-Tristan Rudat Jan-Tristan Rudat
Inhalt

Das Problem mit dem Nominalstil

Nominalstil ist eine der häufigsten Ursachen für schwer lesbare Texte. Er entsteht, wenn Autoren Verben in Substantive verwandeln und dann mit Hilfsverben konstruieren. Statt “wir entscheiden” schreibt man “wir treffen eine Entscheidung”. Statt “der Vertrag gilt” heißt es “der Vertrag hat Gültigkeit”.

Das Ergebnis sind lange, statische Sätze ohne Dynamik. Jeder Satz braucht mehr Wörter, ist schwerer zu lesen und klingt oft aufgeblasen. In Behörden, Konzernen und Universitäten ist Nominalstil weit verbreitet, aber das macht ihn nicht besser.

Typische Nominalstil-Muster

Streckverben

Streckverben ersetzen ein einfaches Verb durch ein Verb-Substantiv-Paar. Sie sind das auffälligste Merkmal des Nominalstils.

NominalstilVerbalstil
eine Entscheidung treffenentscheiden
zur Kenntnis nehmenkennen / verstehen
in Erscheinung tretenerscheinen
Berücksichtigung findenberücksichtigt werden
einer Prüfung unterziehenprüfen

Endungen auf -ung, -heit, -keit

Substantivierungen von Verben und Adjektiven erzeugen Nominalstil fast automatisch. Ein Text voller -ung-Wörter klingt bürokratisch.

Beispiel: “Die Durchführung der Auswertung der Daten erfolgte unter Berücksichtigung der Vorgaben.” Besser: “Die Mitarbeiter werteten die Daten aus und hielten sich an die Vorgaben.”

Genitivketten

Mehrere Substantive in Reihe, durch Genitive verbunden, sind ein weiteres Nominalstil-Signal.

Beispiel: “Die Herstellung der Grundlage der Verbesserung der Qualität der Produkte…” Besser: Aufbrechen in mehrere Sätze oder Umformulierung mit Verben.

Wie Verbalstil funktioniert

Verbalstil bedeutet nicht Vereinfachung um jeden Preis. Er bedeutet, dass das Verb die treibende Kraft im Satz ist. Starke, präzise Verben ersetzen Substantiv-Verb-Konstruktionen.

Übungsregel: Suche im Satz nach dem eigentlichen Handlungsbegriff. Oft steckt er in einem Substantiv verborgen. Extrahiere ihn, forme ihn ins Verb zurück und baue den Satz neu.

Beispiel:

  • Nominalstil: “Die Behörde nimmt eine Überprüfung der Antragsunterlagen vor.”
  • Verbalstil: “Die Behörde prüft die Antragsunterlagen.”

Der zweite Satz ist kürzer, klarer und direkter. Der Leser muss nicht entschlüsseln, was gemeint ist.

Wann Nominalstil legitim ist

Es gibt Kontexte, in denen Nominalstil seinen Platz hat.

Gesetzgebung und Verwaltung: Juristische Texte brauchen Substantive, weil sie präzise Definitionen liefern müssen. “Die Antragstellung” ist ein definierter Begriff, “einen Antrag stellen” wäre unpräziser.

Technische Dokumentation: In Normen und technischen Spezifikationen sind Nominalkonstruktionen oft verbindlich. Die Wiederholung von Fachbegriffen sichert Eindeutigkeit.

Wissenschaftliche Abstracts: Kurze, dichte Texte, die einen Forschungsgegenstand benennen, nutzen Nominalstil zum Informationsverdichten.

Im Fließtext, in E-Mails, im Journalismus und in der allgemeinen Unternehmenskommunikation dagegen wirkt Nominalstil meistens störend.

Paraphrasieren als Stilverbesserung

Paraphrasieren ist nicht nur eine Technik zur Quellenarbeit, sondern auch ein Stilwerkzeug. Wenn du einen Satz paraphrasierst, hast du die Chance, gleichzeitig seinen Stil zu verbessern. Wer einen nominalstillastigen Satz in eine Paraphrase überführt, kann ihn dabei automatisch in Verbalstil bringen.

Das Paraphrasieren-Tool schlägt bei bestimmten Eingaben von selbst verbindlichere, aktivere Formulierungen vor. Prüfe diese Vorschläge: Sind die Verben stärker? Sind Streckverben aufgelöst? Sind Genitivketten verkürzt? Dann ist die Paraphrase nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch eine Verbesserung.

Konkrete Übung: Nominalstil auflösen

Hier ein längeres Beispiel aus einem typischen Unternehmensschreiben:

Original (Nominalstil): “Im Rahmen der Durchführung der Bewertung der Effizienz der internen Kommunikationsprozesse des Unternehmens wurde eine Analyse der bestehenden Strukturen vorgenommen, mit dem Ziel der Identifizierung von Verbesserungspotenzialen.”

Umformulierung (Verbalstil): “Das Unternehmen hat seine internen Kommunikationsprozesse analysiert, um Verbesserungen zu finden.”

Der erste Satz enthält 35 Wörter, der zweite 13. Der Inhalt ist identisch. Lesbarkeit und Direktheit haben sich deutlich verbessert.

Drei Regeln für mehr Verbalstil

  1. Suche nach -ung-Wörtern. Hinter jedem lauert oft ein Verb. Schreibe dieses Verb auf und baue den Satz neu.
  2. Prüfe jedes Streckverb. Wenn du “eine Entscheidung treffen”, “zur Kenntnis nehmen” oder ähnliche Konstruktionen findest, ersetze sie durch das einfache Verb.
  3. Kürze Genitivketten. Mehr als zwei aufeinanderfolgende Genitive sind ein Warnsignal. Teile den Satz auf oder verwende Präpositionen.

Fazit

Nominalstil ist kein Qualitätsmerkmal, auch wenn er in vielen Institutionen gepflegt wird. Er erschwert das Lesen, bläht Texte auf und verbirgt oft, wer handelt und was wirklich passiert. Verbalstil macht Texte klarer, lebendiger und kürzer. Wer beim Paraphrasieren oder Umformulieren bewusst auf den Stilwechsel achtet, verbessert nicht nur die Quellenarbeit, sondern die gesamte Textqualität.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Nominalstil und Verbalstil?

Im Nominalstil dominieren Substantive, oft aus Verben abgeleitet. Das Verb wird zum Hauptwort und verliert seine direkte Handlungskraft. Im Verbalstil tragen starke Verben die Hauptlast des Satzes. Verbalstil ist in der Regel kürzer, direkter und für die meisten Leser leichter zu erfassen.

Ist Nominalstil immer schlechter?

Nicht generell. In Gesetzestexten, technischen Normen oder amtlichen Dokumenten ist Nominalstil oft Konvention und sogar notwendig, um Eindeutigkeit herzustellen. Problematisch ist er in der allgemeinen Kommunikation, in Artikeln, E-Mails und überall dort, wo Leser schnell und klar informiert werden sollen.

Wie erkenne ich Nominalstil im Text?

Achte auf Häufungen von Wörtern mit Endungen wie -ung, -heit, -keit, -schaft, -tion. Suche nach Streckverben wie 'eine Entscheidung treffen' statt 'entscheiden'. Prüfe, ob Sätze viele Genitivketten enthalten oder ob das Verb 'sein', 'haben' oder 'werden' ist, während ein Substantiv die eigentliche Bedeutung trägt.

Quellen

  • Reiners, L. (1950): Stilkunst. Ein Lehrbuch deutscher Prosa. C. H. Beck, München. (Neuausgabe 2004)
  • Schneider, W. (1984): Deutsch für Kenner. Die neue Stilkunde. Gruner und Jahr, Hamburg.
Jan-Tristan Rudat

Über die Autorenschaft

Jan-Tristan Rudat

Redakteur paraphrasieren-tool.de

Themengebiet: Generationen, Kulturgeschichte, Sternzeichen, Pop-Phänomene rund ums Alter

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